Die von Parish-Kostümbibliothek

Ein weithin unbekannter Schatz des Münchner Stadtmuseums

Eine ruhige, baumbestandene Seitenstraße unweit des Nymphenburger Schlossparks, ein verwunschener Garten, eine denkmalgeschützte Jugendstil-Villa mit auffallenden, türkisfarbenen Holzklappläden – hier würde kaum jemand eine einzigartige Wunderkammer der Mode vermuten.

Die von Parish-Kostümbibliothek, benannt nach ihrer Begründerin Hermine Harriet von Parish (1907-1998), ist hier zu Hause. Hermine von Parish bewohnte die von den Gebrüdern Rank im Jahr 1900 erbaute Villa seit Mitte der 1930er Jahre, zunächst gemeinsam mit ihrer Mutter. Die in jungen Jahren sehr modebewusste Mutter hatte bis zum Ersten Weltkrieg von zahlreichen Reisen Kostümbilder mitgebracht, die Hermine von Parish Anregung und Anlass zu eigenem Sammeln waren.

Die „Mama“ und ihre von Worth und anderen namhaften Couturiers gefertigte Garderobe prägte auch das Stilgefühl Hermine von Parishs nachhaltig. Für sich selbst lehnte sie jedoch jede modische Eleganz ab und begnügte sich jahrzehntelang mit einfachen, grauen Drillichjacken, Jeans und Pullovern.
Ihre ganze Energie und finanziellen Mittel steckte diese außergewöhnliche Frau in ihre lebenslange Sammelleidenschaft. Mode war für sie Ausdruck der Kultur einer Gesellschaft und ihrer Zeit. Der Wandel der Mode vom Kulturgut zum Konsumgut, der rasche Wechsel der „Looks“ wurde von ihr als bloße Geschäftemacherei wahrgenommen, die der Bekleidung das Besondere und Persönliche nimmt.

In einem Menschenleben trug sie in ihrem Sammelgebiet Kostümbild eine Fülle von Material zusammen, wie es sonst nur über Generationen oder in großen Institutionen gelingt. Bekleidung in all ihren Ausprägungen faszinierte sie, sei es der Körperschmuck der Maoris oder ein rumänisches Stickmuster, Kreationen von Paquin oder Zeichnungen von Erté. Dieses allumfassende, nie wertende Interesse an der Vielfalt des äußeren Erscheinungsbildes der Menschen spiegelt die Sammlung in den einzelnen Abteilungen bis heute wider. So bietet der reiche Fundus der Sammlung Kostümbildnern, Modeschaffenden, Kunst- und Kulturhistorikern, Ausstellungsmachern, Lehrern und Studenten tiefe Einblicke in die Bekleidung einer Kultur, einer Region, eines Volkes oder einer historischen Epoche.

Die Sammlung hat über die Jahrzehnte hinweg die historischen Räume vom Keller bis zum Dach gänzlich durchdrungen. Entstanden ist ein inspirierendes Gesamtkunstwerk, das den an Mode interessierten Besucher schon beim Betreten der Villa in seinen Bann zieht. Mögen auch die räumlichen Möglichkeiten beschränkt sein – es gibt keine abgeschlossenen Bibliotheks- und Arbeitsbereiche und nur zwei Benutzer-Arbeitsplätze – die Sammlung selbst lässt wenig Wünsche und Fragen offen.

Die stetig wachsenden Bestände der Sammlung gliedern sich in 3 Abteilungen: die Bibliothek, die Graphische Sammlung und die Dokumentation.

Kern und meistgenutzte Abteilung ist die Bibliothek mit ca. 35.000 Bänden, davon allein 5.000 Bände aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Ungefähr 15.000 Bände entfallen auf Zeitschriften mit über 400 Titeln vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Aus der Fülle der seltenen oder besonders schönen Werke seien hier nur ein handgemaltes Trachtenbuch von 1581, Jost Ammans Teatrum Mulierum aus dem Jahre 1586 und J.-M. Moreaus Monument du Costume von 1789 genannt. Wer nach alten Schnittmustern sucht, wird in Werken wie „The Tailor´s Guide“ (London, undatiert), dem „Lehr- und Lesebuch für Männer- und Frauen-Kleidermacher (Wien, 1880) oder J. F. Wissingers „Kleidermacher-Kunst“ (1821) fündig.

Unter den älteren, sämtlich mit handcolorierten Modekupfern ausgestatteten Zeitschriften findet sich das beliebte, von Goethes Mutter so geschätzte, seit 1786 in Weimar erscheinende Journal des Luxus und der Moden ebenso wie das Pariser Magazin La Mode, für das Balzac vor allem in den Anfangsjahren Beiträge schrieb.
Vollzählig vorhanden ist die Gazette du Bon Ton, die die führenden Ateliers der Pariser Haute Couture ihrer Zeit vorstellt. Aktuell sind über 40 Zeitschriften, darunter 23 ausländische Titel, zu verschiedenen Mode-Themen abonniert.

Die ca. 40.000 Blätter der Graphischen Sammlung, überwiegend Druckgraphik, reichen zeitlich vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zahlreiche Kostbarkeiten sind vorhanden, u.a. Blätter aus den berühmten Mappen der Galeries des Modes et Costumes Francais und der in London herausgegebenen Gallery of Fashion. Bei den Modedarstellungen des 20. Jahrhunderts überwiegen die Handzeichnungen. Darunter finden sich Entwürfe von Künstlern der Wiener Werkstätte, Kollektions- entwürfe von namhaften Modeschöpfern und vor allem eine große Anzahl von Grafiken der bedeutendsten Modezeichner des 20. Jahrhunderts, u.a. von Georges Lepape, Eric (Carl Erikson), René Gruau, Antonio Lopez und Mats Gustafson.

Ergänzt wird die graphische Sammlung durch ca. 30.000 Personen- und Porträtfotografien und Modefotos. Unter den zahlreichen komplett erhaltenen Fotoalben aus dem 19. Jahrhundert finden sich auch zwei Alben aus dem Besitz der Kaiserin Elisabeth von Österreich.

Mit ca. 500.000 Einzelblättern bildet die Dokumentation die umfangreichste Abteilung des Hauses. Die Entstehung der einzigartigen Dokumentation geht auf die Auswertung von Abertausenden von Zeitschriften, Büchern, etc. zurück, die Hermine von Parish mit ihren vielen Helfern über Jahrzehnte „mit der Schere“ betrieben hat. Bevor digitale Hilfsmittel auch nur vorstellbar waren, war dies der einzige Weg zu einer systematisch geordneten Bild- und Stoffsammlung, die einen gezielten Zugriff auf einzelne Themen erlaubt, wie z.B. Berufs- oder Sportbekleidung, Ärmelschnitte oder Kragenformen.

Weltweit gibt es keine andere kostümkundliche Sammlung, die das Thema Kostümbild in dieser Breite und Tiefe abdeckt. Die von Parish-Kostümbibliothek braucht den Vergleich mit renommierten Einrichtungen wie der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin, der Bibliothek des Fashion Institute of Technology (FIT) in New York oder der Bibliothek des Victoria and Albert Museums in London nicht zu scheuen.

Um den Bestand und die Fortführung ihrer lebenslangen Sammlertätigkeit zu sichern, schenkte Hermine von Parish ihre Sammlung bereits 1970 der Landeshauptstadt München. Seitdem ist die von Parish-Kostümbibliothek eine Abteilung des Münchner Stadtmuseums. Leider ist dieses Sammlungsjuwel dennoch – auch innerhalb der Mode- und Bekleidungsbranche – nur wenigen bekannt und erfährt somit nur wenig ideelle und finanzielle Unterstützung.

Wie viele kulturelle Einrichtungen leidet die von Parish-Kostümbibliothek unter einem äußerst knappen Budget für Ankäufe, Platzmangel und einer viel zu geringen Personalausstattung, so dass große Teile der Sammlung noch immer nicht vollständig katalogisiert sind. Von der Digitalisierung oder einem gedruckten Katalog wagt man nur zu träumen.

Wertvolle Unterstützung bei Neuerwerbungen ist die Finanzierungshilfe durch die auf Anregung von Hermine von Parish bereits 1959 gegründete von Parish-Gesellschaft zur Förderung der Kostümkunde e.V., deren Ziel insbesondere die Unterstützung und Förderung der von Parish-Kostümbibliothek beim Ausbau und der Pflege ihrer Sammlung ist. Es ist zu wünschen, dass mehr Modeschaffende durch ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft dazu beitragen, den Fortbestand dieses Zeugnisses der Bekleidungskultur zu sichern und damit auch eine einzigartige Informationsquelle für die eigene Arbeit zu erhalten.

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Hermine von Parish am 10.April zeigt das Münchner Stadtmuseum in einem Ausstellungsraum der Musikinstrumenten-sammlung vom 18.- 29.04.2007 eine winzige Auswahl der großartigen Schätze ihrer Sammlung. Wer die hochkarätigen Exponate sieht, wird wünschen, dass in absehbarer Zeit eine umfassendere Ausstellung realisiert wird.

Die Besichtigung des Hauses ist nur am „Tag des offenen Denkmals“, alljährlich im September möglich.

Die öffentliche Bibliothek ist für Besucher auf Voranmeldung und gegen Recherchegebühr nutzbar.

 

München, 12.02.2007

Nora Kühner
fashion   design   consulting