Zukunftsorientiert

Mode, die nicht nur Bekleidung ist, verkörpert die Lust am Schönen und Sinnlichen, weckt Emotionen und lebt den steten Wandel. Stilvoll, traditionell oder schrill – Mode ist ein subtiles Spiel mit Wünschen und Träumen.

Voller Begeisterung und Ideen stürze ich mich daher immer wieder in die Arbeit an einer neuen Kollektion. Bereits nach kurzer Zeit ist nicht einmal mehr ein Hauch von Sinnlichkeit und Schönheit im Alltag der Kollektionsentwicklung erkennbar. Die Gestaltungsarbeit gleicht viel eher einer Rechenaufgabe, die es korrekt zu lösen gilt. Quantifizieren, evaluieren, Prozesse optimieren – auch die kreative Kollektionsentwicklung befindet sich fest im Würge-griff dieser allgegenwärtigen Begriffe.

Das Spiel mit Zahlen beginnt bei den immer enger gesetzten Terminvorgaben für die Entwicklung der neuen Kollektion und hört bei den Verkaufszahlen der vorangegangenen Saison nicht auf. Letztere sind das Maß, das an die Qualität der neu zu entwickelnden Modelle angelegt wird – Kreativität, Inspiration und Gefühl für kommende Trends stehen in der Regel auf verlorenem Posten, da nicht messbar. Es wird Neues erwartet, aber eingezwängt in ein rigides Korsett aus Zahlen.

Längst habe ich mich daran gewöhnt, dass Farben für eine Kollektion nur noch gewählt werden können, wenn sie im großen Buch eines weltweit agierenden Unternehmens durch eine Zahl spezifiziert sind. Ich freue mich, wenn ich einen Stoff einsetzen darf, der nicht nur auf Grund seines Preises als „schön“ eingestuft wird. Aber er muss natürlich noch winddichter, noch atmungsaktiver, noch nachhaltiger sein und möglichst ein Zertifkat vorweisen.

Es erstaunt mich allerdings immer wieder, dass ein Teil der auch für den Erfolg beim Endverbraucher entscheidenden Zahlen gerne vernachlässigt wird: Die kompetente Schnitterstellung, das Feilen an Schnitten, um eine bestmögliche Passform zu erzielen und das Nähen von eventuell sogar mehreren Prototypen zur Überprüfung wird häufig den ökonomischen Zielsetzungen geopfert.

Ich wünsche mir Mode, die nach vorne schaut und sich weiterentwickelt, ohne beständig auf die Zahlen der vorangegangenen Kollektionen zu schauen. Mode, die mit Kreativität und tragbarer Qualität begeistert, und nicht nach marktgerechten Standards berechnet wird. Dann wird auch der Kunde nicht nur kaufen, wenn er Bekleidung braucht.

Nora Kühner
fashion   design   consulting